Beschreibung
Walrosselfenbein-Netsuke eines Sumō-Ringers beim Zupfen seiner Kinnhaare – Späte Edo-Zeit, 19. Jahrhundert
Japan · Späte Edo-Zeit · 19. Jahrhundert · Netsuke · Sumō-Ringer · Walrosselfenbein · Tawara · Kenuki · Laborbestätigtes Material
Ein ausdrucksstarkes japanisches Netsuke aus Walrosselfenbein aus der späten Edo-Zeit des 19. Jahrhunderts, das einen kräftigen Sumō-Ringer zeigt, der neben einem Strohballen kniet und sich mit einer kleinen Pinzette sorgfältig die Haare am Kinn zupft.
Der Humor der Szene erschließt sich unmittelbar. Der massive Körper, die kräftigen Schultern und die weit auseinanderstehenden Knie des Ringers stehen im reizvollen Gegensatz zu der winzigen und ausgesprochen filigranen Tätigkeit, der er seine ganze Aufmerksamkeit widmet. Ein Auge ist fest zusammengekniffen, das andere weit geöffnet, während sich seine Lippen zu einer schmerzhaften Grimasse vorwölben.
Neben dem humorvollen Motiv ist besonders das Material hervorzuheben. Zum Netsuke gehört ein Laborbericht des Molecular Identification Laboratory des Museo Nacional de Ciencias Naturales (CSIC), Madrid, der das Material als Walrosselfenbein (Odobenus rosmarus) bestätigt.
Ein Sumō-Ringer in einem unerwarteten Moment
Die Figur zeigt einen Sumō-Ringer mit breit untergeschlagenen Beinen, dessen großer Bauch und kräftige Schultern die Komposition dominieren.
Statt ihn beim Kampf, Training oder bei einer Demonstration seiner Stärke darzustellen, hält der Schnitzer einen privaten und humorvollen Moment fest: Der Ringer hält eine Pinzette (kenuki) zwischen den Fingern und entfernt damit einzelne Haare von seinem Kinn.
Seine Reaktion liefert den eigentlichen Witz der Szene. Ein Auge schließt sich fest vor Schmerz, während das andere weit geöffnet bleibt. Wangen und Mund ziehen sich in einer übertriebenen Mischung aus Konzentration und Unbehagen zusammen.
Der Gegensatz zwischen einer körperlich mächtigen Figur und einer winzigen alltäglichen Tätigkeit gehört genau zu jener beobachtenden Komik, die viele Netsuke-Schnitzer der Edo-Zeit besonders schätzten.
Kenuki – Die Pinzette
Das kleine Werkzeug zwischen den Fingern des Ringers lässt sich als Kenuki, eine traditionelle japanische Pinzette, identifizieren.
Trotz der geringen Größe der Schnitzerei ist die Handlung sofort verständlich: Beide Hände werden zum Gesicht geführt, während sich der Ringer ganz auf die empfindliche Aufgabe konzentriert.
Das Werkzeug bildet den erzählerischen Mittelpunkt und verwandelt eine einfache Darstellung eines Sumō-Ringers in eine kleine komische Szene.
Der Gesichtsausdruck
Das Gesicht gehört zu den stärksten Aspekten der Schnitzerei.
Der asymmetrische Ausdruck — ein fest zusammengekniffenes und ein weit geöffnetes Auge — vermittelt mit erstaunlich wenigen Mitteln den unangenehmen Moment des Haarzupfens. Die Lippen sind zu einer zurückhaltenden Grimasse vorgestülpt, während feine Linien um Augen und Mund die Konzentration verstärken.
Aus der Nähe betrachtet verleiht das Gesicht der kleinen Figur eine überraschend lebendige psychologische Präsenz und zeigt, wie wirkungsvoll ein Netsuke-Schnitzer innerhalb nur weniger Zentimeter Charakter vermitteln konnte.
Der Chonmage des Sumō-Ringers
Das Haar des Ringers ist zum traditionellen Chonmage frisiert, der charakteristischen Frisur der Sumō-Ringer.
Die gekämmten Haarsträhnen sind fein eingeschnitten, während sich der kleine Knoten über dem Scheitel erhebt. Dieses präzise Detail steht in bewusstem Gegensatz zur weicheren und voluminöseren Modellierung von Gesicht und Körper.
Die Frisur kennzeichnet das Motiv unmittelbar als Sumō-Darstellung und bietet zugleich Raum für besonders feine lineare Schnitzarbeit.
Das Tawara – Die Begrenzung des Sumō-Rings
Neben dem Ringer befindet sich ein kräftig gearbeitetes Strohballen-Element (tawara), dessen gedrehte Seile tief eingeschnitten sind.
Tawara sind eng mit dem Dohyō, dem Sumō-Ring, verbunden. Teilweise im Boden eingelassene Strohballen markieren dort die Begrenzung der Kampffläche.
Die Darstellung dieses einzelnen Gegenstandes genügt, um die Identität und Umgebung des Ringers eindeutig zu bestimmen. In der kompakten Bildsprache eines Netsuke ist kein größerer Hintergrund erforderlich.
Kompakte skulpturale Komposition
Das Netsuke ist als kompakte und stabile Skulptur gestaltet, die dazu bestimmt war, in der Hand gehalten und von allen Seiten betrachtet zu werden.
Breite Schultern, gerundeter Bauch und weit auseinanderstehende Knie bilden die Hauptmasse der Figur. Auf der Rückseite folgt der Körper der Krümmung der Wirbelsäule, während der Mawashi in kräftigen Falten an den Hüften zusammenläuft.
Auch die Unterseite ist vollständig ausgearbeitet. Die gefalteten Beine sind klar modelliert, und die Zehen eines Fußes sind einzeln dargestellt.
Diese Sorgfalt an Rückseite und Unterseite ist für Netsuke besonders wichtig, da solche Objekte traditionell berührt, gedreht und in der Hand untersucht wurden.
Funktionale Himotoshi
Die Schnitzerei besitzt ihre funktionalen Himotoshi, jene Schnurlöcher, durch die ein Netsuke mit einem Inrō, Tabakbeutel oder anderem Sagemono verbunden wurde.
Eine größere Öffnung befindet sich am unteren Rücken, mit einem kleineren seitlichen Ausgang.
Die Position der Öffnungen ist geschickt in die kompakte Form integriert und bewahrt die ursprüngliche Funktion des Objekts als tragbares Netsuke.
Walrosselfenbein – Ein ungewöhnliches Material
Eine der bedeutendsten Eigenschaften dieses Netsuke ist sein Material: Walrosselfenbein.
Japanische Netsuke-Schnitzer verwendeten Elfenbein aus verschiedenen Quellen. Elefantenelfenbein gelangte über internationale Handelswege, insbesondere über chinesische und niederländische Händler in Nagasaki, nach Japan. Walrosszähne stammten dagegen aus den kalten nördlichen Meeren und gelangten in deutlich geringeren Mengen in den japanischen Handel.
Walrosszahn stellt den Schnitzer auch vor besondere strukturelle Herausforderungen. Das Zentrum enthält eine dichte, charakteristisch marmorierte sekundäre Dentinschicht, während nur die äußeren Bereiche feiner und gleichmäßiger bearbeitet werden können.
Der Schnitzer musste die gesamte Figur daher sorgfältig um diese innere Struktur herum planen. Netsuke aus Walrosselfenbein sind entsprechend erheblich seltener anzutreffen als viele Beispiele aus Elefantenelfenbein.
Sichtbares sekundäres Dentin
Das Material lässt sich besonders gut auf der Unterseite studieren, wo eine durchscheinende, marmorierte Zone sekundären Dentins sichtbar wird.
Diese Veränderung von Textur und innerer Struktur ist charakteristisch für Walrosszahn und bildet ein wichtiges physisches Merkmal des Objekts.
Statt diese schwierige innere Struktur zu verbergen, integrierte der Schnitzer sie erfolgreich in die kompakte Form der Figur und nutzte das Material effizient aus.
Laborbestätigung – Museo Nacional de Ciencias Naturales (CSIC)
Zum Netsuke gehört ein Laborbericht zur Materialbestimmung des Molecular Identification Laboratory des Museo Nacional de Ciencias Naturales (CSIC), Madrid.
Der Bericht mit der Referenz LIM 2/2026, Stück Nr. 7 identifiziert das Material als:
Walrosselfenbein – Odobenus rosmarus.
Diese wissenschaftliche Dokumentation ermöglicht eine ungewöhnlich präzise Materialbestimmung und ist ein wichtiger Bestandteil der Begleitdokumentation.
Warme Patina und natürliche Alterung
Das Elfenbein hat im Laufe der Zeit eine reiche honig- bis bernsteinfarbene Tönung entwickelt.
Natürliche altersbedingte Risse, wie sie für Walrosselfenbein charakteristisch sind, ziehen sich über die Oberfläche und haben sich zu feinen braunen Linien verdunkelt. Sie beeinträchtigen die Schnitzerei nicht, sondern unterstreichen Alter, Materialcharakter und lange Gebrauchsgeschichte des Objekts.
Die erhabenen Partien bewahren einen sanften Glanz, während Vertiefungen dunklere Töne aufnehmen und dadurch Falten, Gesichtszüge, Hände und die Seilstruktur des Tawara besonders deutlich hervorheben.
Späte Edo-Zeit – 19. Jahrhundert
Das Netsuke stammt aus der späten Edo-Zeit des 19. Jahrhunderts, als die Netsuke-Schnitzerei zu einer außergewöhnlich entwickelten Form der Miniaturskulptur geworden war.
Die Künstler beschäftigten sich mit einer enormen Vielfalt an Motiven, darunter Mythologie, Religion, Berufe, Tiere, Theater, Alltag und Humor.
Der sich am Kinn zupfende Ringer gehört besonders überzeugend in diese letzte Gruppe: eine vertraute und körperlich mächtige Figur wird auf einen zutiefst menschlichen, komischen Moment reduziert.
Zustand
Das Netsuke befindet sich in einem für sein Alter ausgezeichneten Zustand.
Das Walrosselfenbein zeigt eine warme Honig- und Bernsteinpatina sowie natürliche Altersrisse, die sich als feine braune Adern über die Oberfläche ziehen. Diese Merkmale entsprechen dem Material und dem Alter des Objekts.
Es gibt nur geringe altersgerechte Gebrauchsspuren. Die wichtigsten Details sind deutlich erhalten, darunter Gesichtsausdruck, Hände, Frisur, Falten des Mawashi, Seilstruktur des Tawara und die ausgearbeiteten Zehen.
Sammlerinteresse
Dieses Netsuke vereint mehrere Merkmale von besonderem Interesse: ein humorvolles Sumō-Motiv, kompakte und sichere Schnitzarbeit, funktionale Himotoshi, eine ausgeprägte natürliche Patina und die vergleichsweise ungewöhnliche Verwendung von Walrosselfenbein.
Der beigefügte CSIC-Laborbericht ergänzt das Objekt um eine wichtige dokumentarische Ebene und bestätigt das Material wissenschaftlich als Odobenus rosmarus.
Damit handelt es sich um ein charaktervolles Netsuke der späten Edo-Zeit, dessen Reiz sowohl in seiner handwerklichen Ausführung als auch im humorvollen Motiv und ungewöhnlichen Material liegt.
Spezifikationen
- Objekt: Netsuke
- Motiv: Sumō-Ringer beim Zupfen seiner Kinnhaare
- Herkunft: Japan
- Periode: Späte Edo-Zeit, 19. Jahrhundert
- Material: Walrosselfenbein
- Art: Odobenus rosmarus
- Haltung: Kniender Ringer neben einem Tawara
- Werkzeug: Kenuki (Pinzette)
- Frisur: Chonmage
- Sumō-Element: Strohballen (Tawara)
- Kleidung: Mawashi
- Himotoshi: Große Öffnung am unteren Rücken mit kleinerem seitlichen Ausgang
- Materialmerkmal: Sichtbares marmoriertes sekundäres Dentin an der Unterseite
- Labor: Molecular Identification Laboratory, Museo Nacional de Ciencias Naturales (CSIC), Madrid
- Laborreferenz: LIM 2/2026, Stück Nr. 7
- Maße: Ca. 4,2 × 3,2 × 2,3 cm
- Zustand: Für das Alter ausgezeichnet, mit natürlichen Altersrissen und geringfügigen Gebrauchsspuren
Ein charaktervolles Netsuke der späten Edo-Zeit mit einem Sumō-Ringer, geschnitzt aus wissenschaftlich identifiziertem Walrosselfenbein und mit einer ungewöhnlich humorvollen Alltagsszene. Neben einem verschnürten Tawara kniend, hält der Ringer Kenuki in den Händen und zupft sich sorgfältig ein Haar vom Kinn, wobei ein Auge fest geschlossen und das andere weit geöffnet ist. Der breite Körper, die fein ausgearbeiteten Hände, der eingeschnittene Chonmage und die kompakte dreidimensionale Modellierung zeigen die Fähigkeit des Schnitzers, Humor und anspruchsvolle Miniaturskulptur miteinander zu verbinden. Besonders bemerkenswert ist das Walrosselfenbein selbst, dessen marmoriertes sekundäres Dentin an der Unterseite sichtbar ist und dessen Oberfläche eine warme Honig-Bernstein-Patina entwickelt hat. Mit CSIC-Laborbericht zur Bestätigung als Odobenus rosmarus ist dies ein ungewöhnliches und sehr ausdrucksstarkes japanisches Netsuke des 19. Jahrhunderts.















